Zauberteppich und Haubensessel

Zauberteppich und Haubensessel
Zauberteppich und Haubensessel

Acht…, neun…, sogar zwölf erwachsene Schneesportler stehen auf dem Zauberteppich und lassen sich in Zeitlupe die geschätzten dreissig Meter zur Talstation der Kulmbahn hochbringen. Sagte ich eben „Schneesportler“? Sind diese Leute tatsächlich hier, um Sport zu treiben? Hmm, mir ist es peinlich, wie die Knirpse, die zum ersten Mal auf den Skiern stehen, den Zauberteppich zu benutzen. Ich stapfe also mit meinem Board unter dem Arm die paar Meter hoch. Und ich überhole sie natürlich alle, diese bequemen Zauberteppichsteher und –steherinnen. Obwohl ich mittlerweile völlig untrainiert bin und so ziemlich gar keine Kondition mehr habe. „Braucht’s den Zauberteppich wirklich?“, frage ich mich. Muss denn alles total bequem und geschmeidig sein? Völlig frei von Anstrengung? „Was meinst du – ist das denn noch Sport?“

Weder schwitzen noch frieren

Morgens bringt uns der Hotelbus bequem zum Bahnhof. Da stellen wir uns zum ersten Mal auf die Rolltreppe, die uns auf die Überführung bringt; 50 Schritte von der Weisshornbahn entfernt. Dort surrt die nächste Rolltreppe. Und ums Eck gleich eine weitere. Natürlich kommst du auch per Treppe zur Gondel. Aber wer entscheidet sich schon für Treppensteigen, wenn er/sie auch Treppenrollen kann. In die Gondel und ab auf den Gipfel. Also, bis hierhin ging das ohne einen einzigen Schweisstropfen. Auf dem Gipfel angekommen schliessen die Schneesportler nun ihre wind- und wasserdichten Jacken aus Hightechmembranen, die sowohl Körperklima als auch Feuchtigkeit ausgleichen. Der Helm sitzt passgenau, ebenso wie die Goggles, die Hand- und die Skischuhe. Der Rückenpanzer verleiht eine zusätzliche Stütze für Rücken und Mut. Die Crashpants schmiegen sich um Po und Hüfte, um allfällige Landungen auf der Piste sanft abzufedern. Es kann losgehen. Muskeln aufwärmen? Vielleicht ein paar Übungen zum Lockern? Wozu denn! Die drehfreudigen Skier oder Boards machen schliesslich jeden Schwung perfekt mit und sind haargenau auf Fahrvermögen und –vorlieben abgestimmt.

Macht Hightech-Wintersport Spass?

Dank Technokleidung und Haubensessel friert man also nicht mehr beim Wintersport. Die Schuhe drücken auch kaum noch. Die Anstrengung für eine Pistenfahrt hinunter zum Skilift ist nun nicht so gross. Und schliesslich überspielt das perfekte Material grosszügig die Fahrfehler und fehlendes Training. Da fehlt etwas, oder? Das klingt doch nicht nach Erlebnis und Herausforderung! Sind wir nach einer solchen Pistenfahrt stolz darauf, die Strapazen überstanden zu haben, uns selbst bewiesen zu haben, was wir können? Besteht die Challenge nun eher darin, sich trotz Gedränge im Bergrestaurant einen Platz zu ergattern? Oder das Alpenpanorama auf Insta zu posten, obwohl die Kälte der Akkuleistung des Handys arg zusetzt?

Weisst du was? Da kann ich mir gleich eine VR-Brille aufsetzen und virtuell den Hang hinunterkurven.

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