Ein Schmatz zur Begrüssung

Tangosänger in San Telmo
Tangosänger in San Telmo

„¡hola! ¿qué tal?“ Schmatz! – Ich sitze im Coworking Space in Buenos Aires Palermo und schreibe eben einen weiteren Tango-Post (ja, schon wieder…). – „¡hola!“ Schmatz! „¿Cómo andas?“ – Es ist noch früh, die Coworker treffen nach und nach ein und belegen einen Arbeitsplätze nach dem andern um mich herum. Der Geräuschpegel steigt. Schmatz! Schmatz! Immer wieder sind zwischendurch diese lauten Schmatzer zu hören. Da, schon wieder – hinter mir empfängt eine HR-Managerin einen Mann zum Job-Interview und schmatzt ihn laut zur Begrüssung. Und der Nachbar links neben mir schickt gerade eben seinen Schmatz durchs Telefon. „…gracias. Un beso. ¡Chao! ¡Chao!“

Haltung, Haltung, Haltung

Ich bin ja nun schon zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres in Argentinien gelandet. Erst für unsere Abenteuerreise in den Anden und Mendoza. Nun für drei Wochen in Buenos Aires. Eigentlich bleiben wir sogar fast ausschliesslich in Palermo, dem Viertel im Norden der Stadt, mit den schicken Boutiquen und den coolen Restaurants. Diesmal verbringen wir hier eine Workation, verbinden also Arbeiten mit Urlaub. Und weil wir unter „Vacation“ in Buenos Aires vor allem Tango verstehen, ist unser Programm ziemlich dicht. Da bleibt wenig Zeit für grosse Sprünge in der Umgebung. Nach der Arbeit und dem Almuerzo, dem Mittagessen, irgendwo im Barrio laufen wir uns auf dem halbstündigen Weg in die dni Tangoschule schon mal warm für die Clase privada und die anschliessende Práctica. Diese zwei Stunden Technik und Üben bedeuten ziemlich harte Knochenarbeit. Eigentlich arbeiten wir während unseren ganzen drei Wochen hier an der Haltung, an der Haltung und an der Haltung. Achso ja, ein bisschen auch an den Ochos, den Boleos und am Giro. Also wirklich Basics, keine komplizierten Schritte und fliegenden Beine. Solange wir diese Haltung und die Schritttechnik nicht verinnerlicht haben, müssen wir gar nicht an Figuren oder sonst was denken.

Tangoschule dni
Tanzschule dni Tango, Buenos Aires

Zwei Stunden Einzelunterricht pro Tag, volle Konzentration. Das strapaziert Gehirn und Füsse, Rückenmuskulatur, Hüfte, Schultern, Adduktoren, Fussgelenke,… eigentlich überhaupt alles. Manchmal sogar ein bisschen das Gemüt, wenn ich das Gefühl habe, einfach nicht vorwärts zu kommen.

Üben an der Milonga

Trotzdem! Manchmal reicht uns dieses tägliche Programm noch gar nicht und wir üben abends weiter, an einer Milonga. An derjenigen im La Discépolo etwa, wo die Tänzerinnen und Tänzer mehrheitlich jung sind und die Stimmung ausgelassen ist. Oder an der ZUM Milonga in der Villa Malcolm. Pablo und Marcela bieten hier vor der Milonga zwei Clases für verschiedene Niveaus an. Bevor dann gegen Mitternacht die Cracks auf der Tanzfläche erscheinen… Auch hier geht es locker zu und her und weil Winterzeit nicht Tangozeit ist, haben wir genügend Platz zum Tanzen.

Ganz besonders fällt uns an der „Milonga Canal Rojo“ im Salon Canning auf, dass der Mai kein Tangomonat ist. Die Tischchen im hell erleuchteten Saal sind höchstens zu einem Drittel besetzt und die vielen leeren Stühlen wirken verlassen. Auf der Tanzfläche drehen einige ältere Paare mit offensichtlich langjähriger Tangoerfahrung ihre Runden. Mir scheint, dass hier Frauen, die in Begleitung erscheinen, nicht von anderen Tänzern aufgefordert werden. Ganz anders erlebte ich das im la Discépolo oder auch im ZUM; hier genügt ein flüchtiges „¿Bailas?“ oder gar ein leichtes Kopfnicken von Weitem – je nachdem mit vorherigem Brauen-hochziehen zum Begleiter, um sich die Zustimmung zu sichern – und die Tanzpartner suchen sich ihren Weg durch die Menge und treffen sich auf dem Parkett. Zwei, drei Sätze wechseln: „Wie heisst du?“ Oder in meinem Fall meist: „Bist du hier im Urlaub?“ Und dann geht’s auch schon los zu einer Runde Vals, Tango oder Milonga. Und an dieser Stelle komme ich nun zum eingangs erwähnten Schmatz zurück. Denn auch zu Beginn oder zum Schluss der Tanzrunde tauschen Tänzer und Tänzerin natürlich oft noch schnell – einen Schmatz!

Milonga im Salon Canning, Buenos Aires
Salon Canning, Buenos Aires

¡Un beso!

Zum ersten Mal fiel mir dieser Begrüssungsschmatz damals in Salta in der Heladería auf. Da beobachtete ich, wie eine Mitarbeiterin ihre Schicht beendete und alle Kolleginnen und Kollegen mit einem dicken Schmatz verabschiedete. Dasselbe tat ihr Kollege, der die Schicht übernahm. Schmatz, Schmatz, Schmatz, Schmatz, bis jede jeden einzeln begrüsst beziehungsweise verabschiedet hatte. Witzig fand ich das, sehr sympathisch und so herzerwärmend. Seither beobachtete ich das viele weitere Male in allen möglichen Situationen, in denen sich irgendwelche Leute treffen. Ob sie sich nun schon kennen oder nicht, scheint keine Rolle zu spielen. Auch Facundo, unser Air-b&b-Vermieter begrüsste uns gleich mit dem Schmatz. Und die Profesores der dni-Tanzschule tun’s sowieso vor und nach jeder Tanzstunde. Mir gefällt dieser Schmatz. Ein kurzer, naher Moment und die leichte Berührung mit jemandem. Der Begrüssungsschmatz kam mir gleich ganz typisch argentinisch vor; wichtig scheint er hier zu sein. Und er ist häufig, dazu laut 🙂 und – angenehm selbstverständlich. Nicht so wie unser Hallo oder Tschüss mit – hmmm… Küsschen, Küsschen, Küsschen? Oder etwa nur zweimal Küsschen? Oder überhaupt kein Küsschen und dafür mit Umarmung und kurzem Rücken-reiben? Oder distanziert und förmlich mit Händedruck? Egal. Bis bald. Ein Schmatz!

Meine Tango-Top-5 in Buenos Aires:

Gardel vive! Tangomusiker in San Telmo
Gardel vive! Tangomusiker in San Telmo
  • Tangoschule dni – wir sind begeistert von der verspielten Art, wie sie da den Tango tanzen. Und vom Konzept sowie der Art, wie sie ihn weitergeben.
  • Milonga La Discépolo am Freitagabend – Im Oliverio Girondo Espacio Cultural, Vera 574, C1414ZAA Buenos Aire
  • Milonga ZUM Tango, ebenfalls am Freitagabend – in der Villa Malcolm, Av. Córdoba 5064 in Palermo, Buenos Aires
  • App Hoy Milonga (für iOS und Android) oder Website hoy-milonga.com – damit weisst du immer, was wo läuft. Oder besser: wer wo tanzt.
  • Sonntagsmarkt in San Telmo – das bedeutet Flohmarkt, Kunsthandwerk, Strassenmusik, Tango unter freiem Himmel, und viiiiele Touristen. Ist aber trotzdem einfach ein Erlebnis!
  • Tangoschuhe und Tangoklamotten – findest du auch in der dni-Tangoschule an der Bulnes 1011 in Buenos Aires Almagro und ein paar Strassen weiter an der Lavalle 3101, ebenfalls in Almagro und unmittelbar bei der Shopping Mall Abasto.
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