Mantra

„Ich mache das jetzt und ich kann das!“

Ich bin mit Jamie unterwegs. Sie ist fünf und, wie es ich für dieses Alter gehört, neugierig und gerne in Bewegung.  Es geht also nicht lange, bis sie im Outdoor-Shop an der Kletterwand kraxelt und sich dabei sogleich mit einem gleichaltrigen Mädchen anfreundet. Die zwei Mädels stacheln sich gegenseitig an, noch höher zu klettern, noch waghalsigere Handgriffe auszuprobieren. Wie es kleinen Kindern eigen ist, brauchen sie keine Aufwärmzeit, kein Kennenlernen. Sie geniessen es, jemanden zum Spielen zu haben. Und sich gegenseitig zu zeigen, was sie alles können. „Ich mache das jetzt und ich kann das. Ich mache das jetzt und ich kann das. Ich mache das jetzt und ich kann das. Hmm-hmmhmm. Ich mache das jetzt und ich kann das!“ Die kleine Dunkelhaarige in den blau-weiss geringelten Leggings singt den Satz wie ein Mantra immer wieder laut vor sich hin und klettert immer weiter…

Ich bin tief beeindruckt. Von der natürlichen Unbekümmertheit der Kleinen und von ihrem unerschütterlichen Vertrauen in sich selbst – beneidenswert! Bestimmt hatte ich als Knirps dieses Urvertrauen in mein starkes Ich genauso. Wie wir alle. Es ist einfach da. Ich war wohl damals mit vier Jahren ebenso überzeugt, dass ich Fussball spielen oder im Schwimmbad tief tauchen oder allein einkaufen gehen kann. Aus einem einzigen Grund: Weil ich es eben wollte. Überlegte nicht lange, sondern probierte es aus. Klar – mit meiner eigenen Version von „Ich mache das jetzt und ich kann das!“ im Hinterkopf und ohne einen einzigen Gedanken an die Möglichkeit eines Misserfolgs. Das muss ja Flügel oder Superkräfte oder was auch immer verleihen! Und auch die nötige Hingabe, die Konzentration, den Biss. Könnte ich mich doch in Situationen, die mir weiche Knie und Herzklopfen verursachen, an meinen eigenen Zauberspruch erinnern. Ich würde dann die Stärke und die unerschütterliche Zuversicht dieses fünfjährigen Mini-Ichs spüren, keinen Gedanken ans Scheitern verschwenden und „das jetzt machen“. Was soll schon schiefgehen?

Meinen eigenen Spruch weiss ich beim besten Willen nicht mehr. Wahrscheinlich hatte ich sowieso keine formulierte Version für die Momente zur Hand, die eine Extraportion Mut verlangten. Als Knirps überlegt man ja oft nicht erst mal hin und her und legt sich bewusst das Mut-Cape um. Der Wille genügt und die Zuversicht ist einfach da. Ganz egal – auch wenn mein eigener Mutvers in manchen Erfahrungen, in Zögern, Abwägen und Überlegen verloren gegangen ist – ich schnappe mir nun einfach den Satz der Kleinen von der Kletterwand für meine eigenen Touren, die guten Grip und Mut erfordern. Ich sehe die Kleine noch vor mir, wie sie sich dann zielstrebig mit den Füsschen vortastete und mit den Händchen immer höher tastete, sich langsam und stetig weiter hochzog. „Ich mache das jetzt und ich kann das. Hmmhmm hmm hmm hmmhmm… Ich mache das jetzt und ich kann das.“ Genau so. Zum Beispiel für meinen ersten Pitch nächste Woche. Ich werde aus meinem Gedächtnis dieses Bild hervorholen und antreten. „Ich mache das jetzt und ich kann das.…!“

Written By
More from estdoss

Boston – farblich assortiert

Blau. Ja, es ist die Farbe Blau, die mir gleich auffällt, als uns...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.