Faszination Online-Games

Champion Ezreal aus dem Online-Game "League of Legends"
Champion Ezreal aus dem Online-Game "League of Legends"

Ezreal, der verwegene Forscher des blauen Teams, hat sich zum ersten Turm der „Bot-Lane“ des Teams Pink durchgeschlagen. Er hat jedoch nicht mit Rengar, dem stolzen Jäger des Teams Pink gerechnet, der sich strategisch geschickt im hohen Gras versteckt hält. Mit seiner passiven Fähigkeit „Unseen Predator“ springt Rengar Ezreal unvermittelt an. Doch Ezreal ist aufmerksam und teleportiert sich blitzartig mit „Arcane Shift“ aus der Reichweite von Rengar. Etwas zu spät, denn der Schaden, den Rengar bereits mit „Battle Roar“ und „Savagery“ an Ezreal angerichtet hat, ist massiv. Ezreal ist im Begriff sich zurückzuziehen, als Rengar ihn mit „Bola Strike“ trifft. Ezreal wird verlangsamt. Zu seinem Glück kommt ihm sein Lane-Partner Volibear, das Donnergrollen, mit „Rolling Thunder“ zu Hilfe. Er schleudert Rengar ein paar Meter durch die Luft. Ezreal macht sich mit „Mystic Shot“ und „Essence Flux“ zu einem Gegenschlag bereit. Diese Attacken senken Rengars Lebenspunktestand auf 10%. Er scheint zu entkommen, weil er sich mit „Blitz“ durch die Wand teleportiert. Ezreal hat aber noch nicht genug. Er attackiert erneut, mit seiner ultimativen Fähigkeit „Trueshot Barrage“, die keine Reichweitenbegrenzung hat! Das stiehlt Rengar die letzten Lebenspunkte. Der obere Turm fällt nach ein paar kurzen Schüssen und Schlägen durch Ezreal und Volibear. Das Team Blau führt mit 1:0 in „Kills“ und 1:0 in „Türme zerstört“.

Online-Games – Eine Freizeitbeschäftigung wie jede andere?

Ezreal im Game – das ist eigentlich LD am Computer. Sein Blick klebt am Monitor, seine Finger flitzen über die Tastatur – während Stunden. „Alter!“, ruft er immer wieder, lacht im nächsten Moment, gibt Anweisungen, fragt etwas oder diskutiert mit den Mitspielern. Ich verstehe nicht, was ihn so fasziniert an diesen Computergames. In dem Gewusel auf dem Monitor erkenne ich nicht einmal, welcher Champion gerade wo ist. Wer ist Feind, wer Verbündeter?

LD, worum geht es hier eigentlich? Mit wem spielst du und was ist euer Ziel?

Das Spiel heisst League of Legends (LoL). Es spielen zwei Teams mit je fünf Spielern gegeneinander. Jeder Spieler wählt aus circa 140 Charakteren seinen Champion aus. Ingame levelt er diesen Champion von Level 1 auf Level 18. Das Spielprinzip ist einfach. Es gibt drei Lanes: Top-Lane, Mid-Lane, Bottom-Lane (oder Bot-Lane). Jede Lane hat drei Türme und einen Inhibitor. Das Herzstück in der Basis beider Teams ist ein Nexus. Ziel des Spiels ist es, in einer der Lanes erst alle Türme und den Inhibitor zu zerstören und schliesslich den Nexus zu vernichten, um das Spiel zu gewinnen. In einem ständigen Hin und Her der Champions mit ihren verschiedenen Kräften und mit viel Strategie versuchen nun beide Teams, den gegnerischen Nexus zu zerstören. Ich spiele LoL aber nicht mehr :D. Wenn ich game, dann nur noch Counter Strike: Global Offensive (CS:GO). Gaming ist für mich heute aber eine Freizeitbeschäftigung von vielen. Mal treffe ich meine Freunde draussen zum Abhängen, beim Sport, oder eben online – zum Gamen. Einige meiner Freunde spielen auch mit Gamern, die sie über LoL kennengelernt haben. Ich mache das aber nicht. Für mich ist Gaming wie für andere ein Fussballspiel. Nur muss ich dafür nicht extra andere Kleider und Schuhe anziehen. Ich habe genauso viel Spass ingame wie die Andern auf dem Rasen. Die Emotionen fliegen hoch, egal ob ich gewinne oder nicht. Es ist immer eine gute Zeit mit Freunden. Es kann immer etwas passieren, das man nicht erwartet hat oder was man noch nie vorher geschafft hat. Vor allem mit Freunden macht es sehr viel Spass. Alleine wird es schnell langweilig, da die Kommunikation fehlt.

Nun, bei mir springt der Funke nicht. Bei meinem ersten Versuch mit Halo 4 auf der Xbox 360 scheiterte ich kläglich, weil ich partout den Transporter nicht verlassen konnte und dauernd in die Seitenwand des Autos ballerte. Dasselbe mit Need for Speed Underground 2 – zu langsam und dauernd Crashes. Und mit FIFA ? Ich kam einfach nicht vom Fleck. Also gab ich jedes Mal bald auf oder fing gar nicht erst an. Und ich muss gestehen, ich war kein bisschen ehrgeizig.

Wie war das denn bei dir, LD? Du warst ja auch nicht von Anfang an so geschickt mit Tastatur und Controller. Dir ging es bestimmt beim ersten Mal genauso. Weshalb hast du weitergemacht? Was hat dich gereizt?

Angefangen zu spielen habe ich mit meinem Bruder AD. Er erhielt zu Weihnachten oder zum Geburtstag eine Playstation 2 mit zwei Controllern. Logischerweise war ich dann Player 2. Die Fingerfertigkeit mit Tastatur, Maus oder Controller entwickelt sich ziemlich schnell. Natürlich ist man nicht von Anfang an so gut und reaktionsfähig wie jemand, der schon seit 10 Jahren Online-Games spielt. Aber nach ein bis zwei Stunden geht das schon sehr flüssig. Es geht nur um den Ehrgeiz. Und wenn man einmal ein paar Stunden am Stück in ein Spiel investiert hat – auch als Anfänger – und das Spielprinzip verstanden hat, kann man einfach nicht anders. Man wird versuchen, das Spiel fertig zu spielen. Gamen macht einfach Spass. Es zeigt dir neue Arten, um Aufgaben zu lösen. Und das in einer völlig neuen Welt und Umgebung.

Und was den Reiz des Spielens betrifft: Ich bin überzeugt, dass fast jede und jeder gerne spielt. Das zeigt doch auch die riesige Vielfalt an Spielen auf allen möglichen Geräten. Hexagon, Hay Day, Minecraft, Candy Crush, 2018,…

Die Helden in der Fantasiewelt sind die Stars in der Wirklichkeit

Ich habe zum Thema Online-Games recherchiert. Dabei wurde mir einiges klar. Dennoch blieben gewisse Bedenken und es fällt mir nach wie vor schwer zu verstehen, was den Reiz von Computerspielen ausmacht. Wer selbst auch Online-Games spielt, hat natürlich sofort erkannt, dass die ganz oben beschriebene Spielszene aus League of Legends stammt. LoL ist eines der beliebtesten Multiplayer Online Battle Arena Games (MOBA) überhaupt. Fast 70 Millionen Spielerinnen und Spieler auf der ganzen Welt vereinen sich jeden Monat zu Teams. Sie schlüpfen in die Rollen der Beschwörer und versuchen gemeinsam, mit ihren Champions den gegnerischen Nexus zu zerstören. Und dabei ist League of Legends nur eines von vielen Online-Games. Dota 2, World of Warcraft, Counter-Strike Global Offensive und weitere Games mit ähnlichen oder ganz anderen Spielideen haben genauso riesige Communities. Und vor allem auch ihre eigenen Stars. ProGamer, professionelle Spieler, treten je nach Spiel allein oder im Team zu Meisterschaften an und locken 40’000 Zuschauer und mehr ins Stadion und Millionen von Fans vor einen Bildschirm. Teilweise leben diese ProGamer sogar in ihren Teams zusammen. Denn ingame können die Teammitglieder ihre Gegner nur dann überwältigen, wenn sie sich gegenseitig vertrauen und sich hundertprozentig aufeinander verlassen können.

Weisst du, LD, genau diese Intensität ist, die meiner Meinung nach das normale Mass überschreitet. Dass einige dieser Teams zusammen wohnen und dafür ihre Familien zurücklassen, finde ich übertrieben. Das macht ein Volleyball-Team nicht. Auch nicht auf Profi-Level. Auch sehr viele Freizeit-Gamer „verspielen“ doch unglaublich viel Zeit. Ist das etwa keine Abhängigkeit?

Da kann ich dir nicht ganz recht geben. Viele Kunstturner ziehen nach Magglingen ins nationale Sportzentrum oder verbringen einen grossen Teil des Jahres dort, um sich optimal auf die verschiedenen Meisterschaften vorzubereiten. Ein Fussballer zieht immer in die Stadt, für deren Club er gerade spielt (Shakhiri nach Stoke…). Diese Athleten sind ebenso getrennt von ihren Familien. Zudem machen das nicht alle E-Sport-Teams so. Nur die, die es für notwendig halten und die auch den Teamzusammenhalt haben. Diese Spieler sind meistens auch im normalen Leben Freunde und leben dann einfach wie in einer WG.

Die Freizeitspieler, die so viel Zeit verspielen, das ist ein anderes Thema. Meiner Meinung nach ist jemand, der 4-5 Stunden pro Tag spielt, nicht abhängig. Solange er neben dem Gaming noch Anderes unternimmt, wie zum Beispiel Sport, Clubbing, einfach draussen „abhängen“ oder ein Buch lesen. Abängigkeit bedeutet für mich, dass man nichts anderes mehr machen kann. Gaming ist eine Freizeitbeschäftigung wie Malen, Geschichten schreiben, Musik machen, Fitness etc. Man kann damit 4-5 Stunden beschäftigt sein, ohne es zu merken (ok – Fitness nicht ganz so lang ;DD). Wenn jemand aber nichts anderes mehr im Kopf hat und nur noch spielen will und wenn die Emotionsausbrüche zu stark werden, dann wird es kritisch. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Es gab eine Zeit, da konnte ich an nichts anderes denken als an World of Warcraft. Welche Rüstung ich mir als nächstes erarbeiten würde oder welches Arena-Match am Nachmittag anstand. Solches Verhalten ist definitiv nicht gut für die psychische Gesundheit. Ich glaube aber, dass ich einfach zu jung war und dass mir die Konsequenzen meines übermässigen Gamings nicht ganz klar waren. Und ich hatte noch nicht so viel Verantwortung. Ich war gut in der Schule,  auch ohne lernen. Deshalb gab ich mich ganz dem Gaming hin. Heute habe ich das Gaming ganz gut im Griff. 

Faszinierend, lukrativ – und einsam?

Wie LD fasziniert es also extrem viele Menschen, in einer Fantasiewelt und in einer virtuellen Gestalt Missionen zu erfüllen oder als Sportler Ziele zu erreichen. Längst hat sich deshalb aus dieser Faszination ein Industriezweig mit unglaublichem Potenzial entwickelt. Mit Sponsoring, Events, Merchandising und dem Verkauf von allerlei Gadgets, um die Game-Charakteren aufzupeppen, lässt sich sehr viel Geld verdienen. Für die Spieler-Teams lohnt sich die Teilnahme an den Meisterschaften wie etwa den Intel Masters Extreme – sofern sie zu den allerbesten gehören. Hier geht es um Preisgelder von 10’000 bis 5 Millionen Dollar, die unter den ersten drei Teams aufgeteilt werden. Die Fans strömen zu Tausenden in die grossen Stadien und fiebern live mit. Oder sie verfolgen die Matches per Stream. Die ersten Fernsehsender entschieden bereits, die Meisterschaften demnächst ins Fernsehprogramm aufzunehmen. Universitäten bieten Master-Studiengänge in Game Development an. Und Mitte Mai nahm sogar der FC Schalke 04 als erster traditioneller Sportclub ein eigenes professionelles League of Legends-Team in den Verein auf. Wie alle anderen Abteilungen wird Schalke auch die neue E-Sports-Mannschaft sportlich und medizinisch betreuen sowie in die Jugendarbeit mit Nachwuchsförderung mit einbeziehen. Genauso wie ihre Kameraden vom Fussball kämpfen auch die Jungs für LoL im königsblauen Trikot des FC Schalke 04.

Zu hoffen ist, dass dieser Schritt dem Ansehen von Online-Games helfen wird. Denn wie Tim Alpherts in seinem TED Talk erklärt, fehlt beim E-Sport die soziale Einbindung. Beim Fussball beispielsweise sind die Eltern bei den Matches dabei, sie feuern das Team an und sind stolz, wenn ihr Kind den entscheidenden Pass spielt. Der Gamer hingegen kämpft nicht nur gegen die bösen Mächte im Spiel, sondern meist auch gegen den Argwohn der Eltern. Das ist bei uns zuhause nicht anders. Wenn ich LD so spielen sehe, via Kopfhörer und Mikro mit seinen Teamkollegen verbunden, allein in seinem Zimmer, manchmal bis spät, bis sehr spät in der Nacht. Dann wünsche ich mir, er spielte stattdessen Basketball, Eishockey oder tanzte Salsa. Irgendetwas, das real und in der wirklichen Begegnung mit Freunden stattfindet. Etwas, woran wir Anteil nehmen könnten. Das sagt die Mutter…

…und was sagst du, LD? Stimmt das Bild vom einsamen Gamer-Nerd? Fehlen ihm tatsächlich die sozialen Kontakte?

Ich habe dieses Thema gerade kürzlich mit einigen Leuten diskutiert. Wir haben festgestellt, dass alle „richtigen“ Gamer, die wir kennen – ich zähle mich da nicht dazu – sehr intelligent, aufnahmefähig, aufmerksam und sehr umgänglich sind. Sie sind vielleicht introvertiert und haben keinen riesigen Freundeskreis. Einsam sind sie aber gar nicht. Sie sind meistens im Spiel mit ihren Freunden zusammen und haben so ihren Spass. Auf Pro Gamer oder Streamer trifft dieses Bild ganz und gar nicht zu. Aber für sie ist das Spiel auch nicht Freizeitbeschäftigung, sondern Beruf.

Was die soziale Einbindung betrifft, gibt es nur eins: mitspielen! Nur so bekommt die Familie einen Einblick in die Welt, in der man sich als Gamer aufhält. Mit anderen Freizeitaktivitäten ihrer Kinder setzen sich die Eltern ja auch auseinander. Mit dem Gaming ist das nicht anders. Wenn sie einfach mitspielen und gemeinsam mit ihrem Kind in der Fantasiewelt Missionen erfüllen,  funktioniert das super. 

Mit Fantasie zum Sieg

Nach Martin Lorber und Thomas Schutz, den Autoren von „Gaming für Studium und Beruf“ sind Computerspiele weder Zeitverschwendung noch verblöden sie. Im Gegenteil. In ihrem Buch stellen sie fest, dass Onlines-Games Kompetenzen wie analytische Fähigkeiten, Kooperationsfähigkeit, Eigenverantwortung und Entscheidungsfähigkeit fördern. Kompetenzen also, die in Schule, Uni und Beruf gefragt sind.

Das kann ich mir gut vorstellen. Aber das geht nicht von heute auf morgen und wirkt sich erst auf einem hohen Spiellevel aus. Wie viele tausend Stunden im Dschungel von LoL oder auf dem Kampfplatz von CS:GO sind wohl nötig, um diese Kompetenzen auszubilden? Wie sieht du das, LD?

Da sind auf keinen Fall 1’000 Stunden nötig. Auch schon ein paar Stunden in der Woche sind ein gutes Braintraining, glaube ich. Wie ich schon sagte, fördert Gaming das „Out-of-the-Box-Denken“. In den meisten aktuellen Games können wir ein Problem nicht nur auf eine Art lösen. Es gibt immer verschiedene Arten, einen Quest oder eine Mission zu erfüllen. Es kommt sehr stark darauf an, wie fantasievoll der Spieler Lösungen sucht. Jane McGonigal geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie ist überzeugt, dass wir alle zusammen noch viel mehr gamen müssten. Weshalb? Um die Haltung, die wir als Gamer gegenüber der Mission im Game haben, in die reale Welt zu übertragen. Kein Gamer würde im Spiel einfach mal abwarten, wenn er auf ein Problem stösst. Da müssen wir sofort handeln, entscheiden und fantasievoll, mutig und selbstbewusst nach Lösungen suchen. Immer den Epic Win als Ziel vor Augen haben. Wenn wir diese Grundeinstellung wenigstens ansatzweise in die Wirklichkeit übertragen könnten, würde das nach McGonigal mithelfen, viele Probleme zu lösen. 

Nun gut. Das ist eine interessante Idee, aber ich werde wohl trotzdem keine Gamerin…

Sag das nicht zu früh! Es gibt viele Gamer und Gamerinnen, die erst spät mit dem Gamen anfangen 🙂 

…aber ich finde die Entwicklung des E-Sports superspannend und werde sie weiterhin gespannt verfolgen. Bestimmt werde ich mich auch wieder einmal an LDs Computer setzen und mit Bösewichten – oder eher mit der Tastatur – kämpfen. Doch eigentlich nutze ich meine Zeit lieber anders. Zum Bloggen etwa. Ich sitze dann am Laptop, mein Blick klebt am Monitor und meine Finger flitzen über die Tastatur – während Stunden.

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